Trachten: Verpacken, Konservieren, Aufbewahren

ein Vortrag von Alexander Wandinger im Begleitprogramm des 8. Gredinger Trachtenmarktes.

von Dr. Bernd Zimmermann, Niendärsche Kaumelkers e.V., Horsten

Zur Person:
Alexander Wandinger ist der Bezirkstrachtenberater des Trachten-Informations-Zentrums Oberbayern in Benediktbeuren. In dieser permanenten Einrichtung kann man sich umfassend über Tracht informieren und beraten lassen. In Benediktbeuren lagern u.a. über 3000 Trachtenstücke, die natürlich auch korrekt konserviert werden müssen.

Anläßlich des Gredinger Trachtenmarktes hat Alexander Wandinger einen kleinen Vortrag im Begleitprogramm des Marktes gehalten. In diesem Vortrag, mit dem Titel: "Verpacken, Konservieren, Aufbewahren", hat er versucht, ein paar wichtige Hinweise zur richtigen Aufbewahrung und Erhaltung von Trachten zu geben. Natürlich konnte er einige Punkte nur anreißen und nicht tiefgreifend behandeln, aber der Vortrag war doch so interessant, daß ich ihn hier in seinen wichtigsten Punkten wiedergeben möchte.

Der Informationsstand der Trachtenberatungsstelle Oberbayern, links Alexander Wandinger

Viele der nun folgenden Punkte erscheinen mir im Nachhinein als selbstverständlich, aber wenn ich so richtig darüber nachdenke, stelle ich fest, daß auch wir nicht immer alles "richtig" machen, wenn es um die Lagerung, Aufbewahrung und Pflege unserer originalen Trachtenstücke geht.

Der provokanteste Punkt gleich zu Anfang.

Soll man eigentlich alles aufheben, nur weil es irgendwie alt ist ?

Das ist ein Streitpunkt, der sicherlich niemals zufriedenstellend geklärt werden kann. Sicher ist, daß ein Museum, das in seinem Bestand 35 Holzmollen besitzt, eine 36te Molle ablehnen wird, um sich nicht auch noch damit das Magazin "zuzurümpeln". Das gleiche gilt im Grunde für Tracht. Auch hier wird ein Museum, dessen Bestände überquellen, die Annahme von Trachtenstücken ablehnen, vor allem, wenn sie davon schon mehrere Exemplare haben. Museen sollen zwar das historische Kulturgut, zu dem auch die Tracht gehört, bewahren, aber um welchen Preis ?

Lagerflächen sind nicht unbedingt günstig zu bekommen und wenn man nun jedes alte Kleidungsstück aufhebt, dann platzen die Museen irgendwann aus allen Nähten - wer kennt nicht den alle paar Jahre aufkommenden Anfall, den eigenen Kleiderschrank mal auszumisten und die Klamotten, die man seit Ewigkeiten nicht mehr anzieht entweder zu Putzlumpen zu verarbeiten, oder der Altkleidersammlung zuzuführen, damit endlich wieder Platz im Schrank ist.

Grund für diesen Punkt war eine Frage aus dem Publikum, was ein älterer Herr mit einer vollständigen Tracht machen sollte, die sich in seinem Besitz befindet. Ein Museum wollte die Tracht nicht haben, da sie keinen Platz hätten. Bei ihm läge die Tracht aber nach seinen Aussagen eigentlich ganz gut. Natürlich soll er die Tracht behalten und sie bei sich vernünftig lagern. Solange man Interesse und Freude an den Stücken hat, solange wird man sich auch darum kümmern und sie pflegen. Wenn kein Interesse mehr vorhanden ist, dann sollte man die Tracht in verantwortungsbewußte Hände abgeben.

Aufbewahrung im Pappkarton, eingeschlagen in säurefreies Seidenpapier

Wie soll denn nun Tracht aufbewahrt werden ?

Uns allen ist klar, daß Licht, insbesondere UV-Licht, Textilien im Allgemeinen schaden. Also müssen sie dunkel aufbewahrt werden. Textilien, die in Museen ausgestellt werden, man soll sich schließlich die Stücke ansehen können, werden in der Regel zu hell ausgestellt, so daß diese Stücke irgendwann zerstört werden. Auch hier muß man schon wieder Kompromisse eingehen, denn es ist nicht zumutbar bei einer Beleuchtung von 20 LUX durch ein Museum zu gehen und zu versuchen, irgendwelche Details der Kleidung zu erkennen. Das absolute Maximum sind 50 LUX, das entspricht etwa der Lichtmenge an einem trüben verregneten Tag, an dem man meinen könnte, der Himmel wolle einem auf den Kopf fallen.

Klimaschwankungen sind ebenfalls nicht gut für Textilien.

Wenn man Sachen zu Hause auf dem Dachboden aufbewahrt, wo im Sommer alles gekocht und im Winter eingefroren wird, so ist das ein ungeeigneter Platz. Wenn der Boden allerdings isoliert ist, so daß ein nicht zu starker Klimawechsel stattfindet und die Temperaturschwankungen einigermaßen unter Kontrolle sind, reicht das als Lagerort in vielen Fällen aus.

Als Lagerform kommen am Besten Kartons aus Pappe zum Einsatz. Damit ist klar, daß die beste Lagerform die liegende Lagerung ist, sofern es nicht durch die Art der Trachtenstücke unbedingt erforderlich ist, auf eine hängende Lagerung zurückzugreifen. Die Pappe sollte "Museumspappe" sein, ein säurefreie Pappe, die keine Ausdünstungen erzeugt, denn das schädigt auch, da Pappe ein Industrieprodukt ist.

Auspolsterung mit Seidenpapier zur Vermeidung von Knickfalten

Die zu lagernden Kleidungsstücke sollten ausgepolstert werden, um Knickfalten zu vermeiden. Zur Auspolsterung und auch zum Einpacken der Stücke im Karton sollte säure- und chlorfreies Seidenpapier verwendet werden. Das ist besonders wichtig, denn das Seidenpapier kommt schließlich direkt mit den Trachten in Berührung.

Gut ausgepolstert können die Stücke dann in den mit Seidenpapier ausgelegten Kartons verpackt und gelagert werden. Damit wird auch verhindert, daß Schädlinge wie z.B. Motten eindringen.

Damit sind wir beim nächsten Punkt: Was tun, wenn der Feind im Kleid ist - oder wie pflegen wir unsere Trachten ?

Wenn die Motten erst mal drin sind, empfielt sich das Einfrieren der Stücke. Damit kann man die Mottenlarven und Eier zuverlässig abtöten. Das Einfrieren kann in einer modernen Gefriertruhe erfolgen, die Schockgefrierung bis minus 38 Grad Celsius ermöglicht. Das Gefrierfach im Kühlschrank reicht dazu nicht aus.

Ganz wichtig hierbei ist allerdings der richtige Umgang mit diesem Prozeß. Zunächst müssen die Sachen in Polyethylenbeutel luftdicht eingepackt werden. Das ist wichtig, damit die Sachen nicht durch die plötzliche Temperaturveränderung nach dem Gefrieren und beim Auftauen Feuchtigkeit aufnehmen. Durch das Einfrieren wird nämlich die Feuchtigkeit entzogen. Sind die Sachen dann feucht, können sie Schimmel ansetzen, da die dazu notwendigen Pilzsporen immer in der Luft vorhanden sind. Nach dem Einfrieren müssen die Sachen dann im Beutel verpackt langsam wieder auftauen. Erst wenn sie sich wieder akklimatisiert haben, kann man sie dem Beutel entnehmen.

Zur Prävention gegen Motten im eigenen Haus, greift jeder gerne auf die grünen oder gelben Papierchen zurück und hängt damit die Schränke voll. Je mehr desto besser, damit bloß keine Motte den Sachen zu Leibe rückt. Leider schädigen wir mit dieser chemischen Keule auch unsere eigene Gesundheit. Viel empfehlenswerter sind auf ökologischer Basis beruhende Anti-Schädlingsmittel, wie z.B. der gute Lavendel oder spezielle Beutel, die mit Holzraspeln gefüllt sind, die mit ätherischen Ölen getränkt wurden. Das duftende Holzbrett ist weniger geeignet, da das ein paar Tage duftet und dann abgehobelt werden muß. Man kann sich vorstellen, daß so eine Aktion für ein Museum z.B. undenkbar ist, daher ist die Variante mit den Säckchen wesentlich besser geeignet. Aber auch hier muß man natürlich von Zeit zu Zeit mal den Wirkungsgrad überprüfen.

Wenn man nun Trachtenstücke restaurieren möchte, so rät Alexander Wandinger im Grunde genommen: Finger weg !

Auch wenn es gut gemeint ist, kann der Laie beim Restaurieren eigentlich nichts richtig machen, sondern immer nur mehr zerstören als retten. Sogar das Trachten-Informations-Zentrum gibt seine Trachtenstücke zur Restauration in die Hände von professionellen Textilrestauratoren. Natürlich kann sich das nicht jeder leisten, denn so etwas kostet auf jeden Fall viel Geld, aber es macht die Brisanz dieses Punktes deutlich. Wenn Trachtenstücke unbedingt erhaltungswürdig sind, sollte man einige Grundregeln im Umgang mit der Tracht beherzigen.

Man sollte die Stücke immer mit der ganzen Hand anfassen. Gerade alte und eventuell schon morsche Stücke brechen noch leichter, wenn man sie mit einzelnen spitzen Fingern anfasst, denn der Druck ist auf wenigen Stellen größer, als wenn man ihn über eine größere Fläche verteilt.

Eine weitere Tatsache ist, daß nicht jeder Mensch unbedingt geeignet dazu ist, alte Textilien anzufassen. So seltsam das jetzt klingen mag, aber der pH-Wert der Haut ist es, der den Stoffen zusetzt. Zu diesem Zweck führte Alexander Wandinger das Beispiel des Anlaufens an. Metalle laufen an der Luft an, weil sie korrodieren. Das hängt mit der Zusammensetzung der Luft, der Temperatur, der Feuchtigkeit und dem pH-Wert zusammen. Ein ungünstiger Haut pH-Wert kann nun z.B. das Anlaufen extrem beschleunigen. Als Beispiel zeigte er uns ein Orinalkleidungsstück aus dem Orient, das mit kostbaren Goldfäden verziert war. Unter den Achseln, dort wo Schweiß einwirkt, waren die Fäden schwarz angelaufen. Hinzu kommt, daß die Materialqualität im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Je älter das Metall ist, desto reiner und somit auch robuster ist es. Im Falle der Goldfäden bedeutet das z.B. daß heutzutage so viel Nickel im Goldschmuck ist, daß es einfach anlaufen muß. Als Tipp zum Umgang mit Trachten ist es also empfehlenswert, Baumwollhandschuhe zu tragen. Damit verhindert man den direkten Kontakt mit der Haut und schützt die Sachen.

Das Trachten-Informations-Zentrum hält für interessierte Besucher sogenannte "Opferstücke" bereit. Diese Trachtenteile werden ausgestellt und können gegebenenfalls auch von Besuchern angefasst werden, damit sie sich ein Bild vom Zustand und dem Material machen können.

Im Trachten-Informations-Zentrum ist ein Kleidungsstaubsauer vorhanden. Mit diesem speziellen regelbaren Staubsauger werden die Stücke abgesaugt, wenn sie ins Museum kommen. Der Haushaltsstaubsauger eignet sich dazu nicht, auch wenn dieser regelbar ist. Ein zu starkes Ansaugen und schon sind wohlmöglich die aufgestickten Perlen im Beutel verschwunden, weil der Faden dem Sog nicht mehr standhält. Das Absaugen ist allerdings wichtig, denn damit werden Pilzsporen entfernt, die auf jeder Kleidung sitzen, da sie fester Bestandteil der Luft sind. Wenn jetzt noch etwas Feuchtigkeit und die richtige Temperatur hinzukommen, dann beginnt auf dem Stoff der Pilz zu wachsen und nach einiger Zeit ist der Stoff hinüber.

Ein weiterer Tod für Trachtenstücke ist das Hinterbügeln mit Vlieseline. Auch wenn im ersten Augenblick damit das Stück stabilisiert wird, wird durch den Klebstoff und das Bügeln Feuchtigkeit eingebracht. Die Zeit tut dann ihr Übriges, den Stoff schön ordentlich aufzulösen, so daß die Rettungsaktion nach einiger Zeit in einem Desaster endet und die Schürze oder die Mütze dann in den Müll wandern kann.

Ganz gefährlich wird es, wenn man mit der Tracht anfängt zu tanzen. Der Tanz ist das Markenzeichen der meisten Trachtengruppen und soll es auch bleiben. Man muß sich aber darüber bewußt sein, daß durch diese Art der Belastung die Lebenszeit der Originalstücke, die man dazu trägt, erheblich verkürzt wird. Hier kommt im Grunde genommen alles zusammen: Schweiß, Feuchtigkeit, Pilzsporen, Belastung durch Zug und Druck und Klimawechsel. Ein jeder kann sich ausrechnen, was in diesenm Fall mit den Textielien passiert, die solchen Belastungen ausgesetzt sind. Unsere heutige Kleidung fliegt nach einiger Zeit auf den Müll, die erhaltenen Trachtenstücke sind nur deswegen noch so gut erhalten, weil diese in den meisten Fällen geschont wurden.

Hier sind die Trachtengruppen im Vorteil, die keine Originale mehr besitzen oder von deren Tracht es nur noch wenige Stücke gibt. Diese Gruppen müssen sich ihre Tracht komplett erarbeiten und wissen deshalb den Wert der Originalstücke zu schätzen. Eine Neuanfertigung aus modernen Stoffen bedeutet auch, daß diese Dinge robuster und für Tänze haltbarer sind.

Schonender Umgang und sorgfältige Lagerung und die Tracht hält noch die nächsten 2000 Jahre.